Frau ohne AlterTina Turner am 29. Juli 2000 in Köln - Foto: gap

Tina Turner am 29. Juli 2000 in Köln

(Westfälische Nachrichten, Kulturelles Leben, 31. Juli 2000)

Die alte Frau stakst behäbig auf die Bühne und ringt sich ein Lächeln ab. Mühsam meistert sie ihr Programm, singt alte Hits und aktuelle Misserfolge. Die Fans feiern den alternden Star nicht deshalb, weil er heute gut ist. Ihr Jubel gilt dem Lebenswerk. Leider ist das Lebenswerk abgeschlossen. Der alternde Star bäumt sich noch einmal auf und merkt nicht, dass seine Zeit um ist.

Von diesem allbekannten Szenario ist Tina Turner weit entfernt. Die Frau ohne Alter erntet Begeisterung für ihre Show und nicht Bewunderung dafür, dass sie in diesem Alter die Beine noch so hoch bekommt.

„Welcome home“, steht auf den Konzert-Plakaten, weil TT einmal in Köln gewohnt hat. 60000 Fans heißen die Heimkehrerin willkommen. Um Punkt 21 Uhr betritt Frau Turner die große Bühne. Der schwarze Lackanzug ist hauteng. Kein Problem, die Frau ist 60, aber was sind schon Zahlen? Mit geballter Kraft und dem in 40 Bühnenjahren trainierten Tanz auf hochhackigen Stöckelschuhen meistert sie die große Show zwischen Rock’n’Roll und einem aufwendigen Spiel mit futuristischem Bühnenbau und aufwendigem Licht.

Klar, die bewährten Riten ihrer Auftritte sind altbekannt und tauchen auch diesmal wieder auf: die mikrofonverstärkten Schmatzer in Richtung Publikum, die perfekt durcharrangierte Choreografie, die einladend ausgestreckten Arme. Auch diesmal singen Jungs und Mädchen getrennt den Refrain von „What’s Love got do do with it“. Alle Männer singen bitte „nice – and strong.“ Aber wenn Tina Turner die alten Gesten weiterführt, als seien sie ihr gerade spontan eingefallen, wirkt das nicht abgeschmackt und selbstparodierend, sondern authentisch. Obwohl an diesem Konzert wirklich nichts spontan ist.

Mit neuen Stücken vom aktuellen Album ist Tina sparsam. Sie bevorzugt die Klassiker, singt „We don’t need another Hero“, „River deep, Mountain high“, „Nutbush City Limits“. Sie macht sich auch vor jenen Tönen nicht bange, die sie kaum noch erreicht. Wo das Alter Spuren hinterlässt, steht sie selbstbewusst dazu. Nach einigen Cover-Stücke wie „Dock of the Bay“, „Help“ und „Heard it through the Grapevine“ beendet ein großes Feuerwerk das zweistündige Konzert – viel zu früh.

Die 60-Jährige sagt mal wieder, dies sei ihre Abschiedstournee. Hey, Tina, man soll aufhören, wenn’s am schönsten ist. Du hast noch etwas Zeit. Die Fans flehen und hoffen. Schließlich wünschte sich Tina Turner auf ihrem Geburtstagskonzert, dass die nächsten 60 Jahre genau so schön werden wie die vergangenen. Dafür muss sie singen.

Gunnar A. Pier