Bruce Springsteen auf Schalke - Foto: gapDer Maßstab

Bruce Springsteen spielt auf Schalke

(Westfälische Nachrichten, Kulturelles Leben, 24. Mai 2003)

Let’s go, Schalke", ruft der Boss, und diesmal geht’s wirklich auf Schalke. 55 000 Fans im nahezu ausverkauften Rund – und ein glänzend aufgelegter Bruce Springsteen definiert den Maßstab für ganz große Rockshows neu. Dieses Konzert wird zum Meilenstein auch für routinierte Konzertbesucher, die kaum noch etwas wirklich überraschen kann. Ein toller Abend.

Der beginnt kurz nach der Tagesschau. Springsteen, den sie "Bruuuuuce" rufen, und seine Band, die wie er auf dem sicheren Weg zur Legende ist, betreten die Bühne. Schlichtes Licht, schwarze Planen, kaum Podeste, betontes Nichts. Nur Musik.

"The Rising" zuerst, dann "Lonesome Day", danach die Songperle "No surrender". Die Fans sind schon gewonnen. Im Internet tauschen sie die Lieder aus, die Springsteen & Co. bei jedem Konzert spielen, weil keine Show wie die andere ist. Mit "No surrender" gehen Wünsche in Erfüllung.

Den Abend über lässt der Druck, den die Musiker von der Bühne in der Südkurve aus durchs Stadionrund schicken, nicht nach. Bruce schreit, die Gitarren kreischen. Jedem Lied verpasst die Band eine eigene Dramaturgie, die unweigerlich die Massen begeistert. "Pschschsch", flüstert Springsteen bei "Mary’s Place". 55 000 Menschen, die gerade noch aus vollen Kehlen mitgesungen haben, halten inne, Bruce singt zwei ruhige Zeilen, und die Band rausch t wieder los. Die Stimmungswechsel, das Spiel mit den musikalischen Gezeiten, diese gekonnte Kontrolle der Emotionen – das ist große Unterhaltung. Auf Schalke steht der Grandfather of Stadionrock. Bruce ist, was andere sein wollen. Bei anderen sind das Gesten, Bruce ist das Original.

Bruce Springsteen und Nils Lofgren auf Schalke - Foto: gap

Zu seiner Klasse gehört, dass er bei der großen Entertainment-Show erfrischend konsequent die Bedeutung der Text-Inhalte in den Hintergrund rockt. Kein populistisches Wettern gegen den Bush-Krieg, kein sentimentales Lamentieren über die toten des 11. Septembers. Und das, obwohl Springsteen das Ereignis mit einem Album verarbeitet hat. Lieder von "The Rising" streut er kommentarlos ein. Politik wird in der Südkurve nicht thematisiert.

Nach zwei Stunden beginnen die Zugaben. "Bobby Jean", ein unendliches "Ramrod", "Born to run". Der Punkt ist erreicht, ab dem die Fans gelassen genießen, weil sie schon viel fürs Geld gehört haben. Alles weitere ist Luxus. Der währt eine weitere Stunde.

Erst nach drei Stunden ist das Spektakel vorbei. "Let’s go", sagen die Schalker. Gunnar A. Pier

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