Die Hoffnung bleibt

Bruce Springsteen skizziert mit „The Rising“ die Atmosphäre nach dem 11. September

(Westfälische Nachrichten, "Pop und Rock", Oktober 2002)

Zum Glück halten sich die Großen nur selten an ihre eigenen Drohungen, künftig Stille zu halten. Bruce Springsteen verabschiedete sich vor vielen Jahren von seinen angestammten Musikern, der E-Street-Band. Dann trafen sich die Herren doch wieder für einige neue Songs und eine wirklich phantastische Welttournee. Eine Abschiedstournee, endgültig. Tja, und jetzt sind sie wieder da. „The Rising“ ist das erste Album der E-Street-Band seit „Born in the USA“ – und das war 1984.

Bruce Springsteen hat es schon immer wie wenige andere verstanden, das Leben in seinem Land, Stimmungen, Ansichten und sicherlich auch Klischees, darzustellen. So lyrisch waren seine Texte in all den Jahren, dass selbst soziales Elend, Kriegsangst und Frustration des kleinen Mannes eine gewisse Romantik bargen. Er erzählte von Menschen in einer kleinen Welt zwischen Mädchen, Autos und tumben Jobs. Doch Mitleid mochte er nicht erzeugen, weil seine Figuren meistens optimistisch waren und versuchten, das Beste draus zu machen. Sie freuen sich auf den Feierabend statt sich zu ärgern, dass es noch etwas dauert.

Diese Hoffnung prägt auch die Texte von „The Rising“, die der CD sogar als deutsche Übersetzung beiliegen. In vielen Liedern verarbeitet Bruce Springsteen, der wieder alle Texte und die gesamte Musik selbst geschrieben hat, die Ereignisse des 11. September. Doch statt voller Hass auf die Unsinnigkeit solcher Wahnsinnstaten zu wettern, beschreibt er die Gefühle betroffener Menschen in Miniaturen aus deren Sicht. „Ich hörte Dich rufen, dann verschwandst Du im Staub. Die Treppe hinauf, ins Feuer hinein. Up the Stairs, into the Fire.“ Statt Resignation die Hoffnung: „Möge Deine Kraft uns stärken.“ („Into the Fire“).

In „Waitin’ on a sunny Day“ stellt der Erzähler beinahe nüchtern fest: „Without you I’m working with the Rain falling down“ – und wieder bleibt die Hoffnung auf die Sonne. In „My City of Ruins“ fordert Springsteen: „Come on, rise up“, kommt, steht auf. Die Stadt liegt in Trümmern, aber schaut nach vorn.

Musikalisch klingt der Teamgeist alter Tage mit. Das mag am oft mehrstimmigen Gesang liegen, aber auch an den ausgefeilten Arrangements. Verspielt, aber nie überkandidelt, eben schlicht gestaltet die E-Street-Band die Songs. Sie klingen wie ein Holzschaukelpferd, nicht lackiert, aber mit grobem Papier so geschliffen, damit es keine Splitter gibt. Die Lieder ergreifen, lassen nicht los. Sind unmittelbar, pulsierend und nur ganz selten plätschernd. „The Rising“ – musikalisch die Auferstehung nach dem Nuscheln.□ Anfang August begann in New Jersey die nächste Welttournee. Zwischen dem 14. und 27. Oktober kommt Springsteeen nach Europa.

Gunnar A. Pier