Ruhiger Wind oder lauter Hurrikan?

Scorpions-Gitarrist Rudolph Schenker berichtet von der derzeitigen Tournee durch Russland

(Westfälische Nachrichten, "Pop und Rock", November 2002)

Den „Wind of Change“ haben die Scorpions 1989 besungen. Den Sturm der Veränderungen spüren die Musiker der Hard-Rock-Band aus Hannover derzeit täglich. Die Scorpions sind in der ehemaligen Sowjetunion. Seit Ende September tourt die Band durch den Wilden Osten. „Ein unglaubliches Erlebnis“, sagt Gitarrist Rudolph Schenker. Per Handy schildert er aus Wolgograd unserer Zeitung seine Eindrücke von der ungewöhnlichen Konzertreise.

1988 waren die Scorpions die erste internationale Hard-Rock-Band, die in der UdSSR auftrat. 350 000 Fans verfolgten die zehn Konzerte in Leningrad. „Wir wurden angeguckt als ob wir vom Mars kommen“, erinnert sich Rudolph Schenker. Argwöhnisch beäugten „die Russen“ ihre prominenten Gäste. Exoten seien die Rockmusiker aus dem Westen auch heute noch. „Aber im positiven Sinne. Die Menschen haben sich auf uns gefreut.“ Auch wenn viele bis zuletzt nicht damit gerechnet hätten, dass die Band um Sänger Klaus Meine wirklich kommt: „Es hat schonmal ein Veranstalter angekündigt, dass wir Konzerte geben. Er hat Karten verkauft und Geld kassiert.“ Eine Tour war aber gar nicht geplant.

Jetzt werden die Scorpions überall im Land mit offenen Armen empfangen. „Gestern Abend wartete ein Kosakenchor auf uns“, schwärmte Rudolph Schenker während des Gesprächs mit unserer Zeitung. Eine musikalische Überraschung, Wodka inklusive. „Wir sind mit einem mulmigen Gefühl hierhin geflogen, weil wir nicht wussten, was uns erwartet. Aber wir werden überall herzlich aufgenommen.“

Kreuz und quer über den großen Kontinent reisen die Scorpions mit einem eigens gecharterten Privat-Jet. Irkutsk, Wladiwostok, Omsk, Odessa – 22 Städte haben sich die Musiker vorgenommen. Überall spielen sie ein Konzert, anderthalb Stunden Querbeet. „Auf ,Wind of Change‘ und ,Still loving you‘ fahren die hier total ab“, hat Gitarrist Rudolph Schenker festgestellt. Die Balladen haben es den Bürgern östlich des Urals angetan. Damit ähnelt ihr Geschmack dem der europäischen Fans. Schenker erklärt: „Das liegt an den Radiostationen. In Amerika sind unsere Rocksongs die Favoriten. In Europa spielen die Radios mehr Balladen und Pop-Stücke.“ Im Osten sei’s ähnlich: Der ruhige „Wind of Change“ schlägt das laute „Rock you like a Hurricane“.

Vielleicht liegt die Vorliebe für ruhige Stücke auch am Temperament und der vorsichtigen Zurückhaltung, die die Fans bei den Konzerten noch immer zeigen. „Die sind nicht so ausgelassen. Die Gefühle sind gleich, aber sie zeigen sie nicht so.“ Das liege auch an den Sicherheitsvorkehrungen. „Die Security ist schärfer. Wir haben uns beschwert, und jetzt dürfen die Fans bei den Konzerten auch aufstehen.“ So steige die Stimmung von Konzert zu Konzert. Fans, Band und Security – alle werden gemeinsam warm. So wie vor 14 Jahren in Leningrad.

Bis zum 9. November sind die Scorpions noch im Osten unterwegs. Nach den vielen Russland-Gigs stehen Konzerte in Weißrussland, Litauen, Lettland und Polen auf dem Programm. Dann fliegen die Hannoveraner zurück nach Deutschland.

Was sie dort vor haben, verrät Rudolph Schenker per Handy aus Wolgograd: „Wir schreiben das Musical ,Wind of Change‘ zu Ende, dann nehmen wir wieder eine Rock-Platte auf. Die Leute sollen wissen, dass wir trotz all der Crossover-Sachen mit Orchester noch immer Rockmusik spielen können.“

Gunnar A. Pier