Wieder Rock

Peter Maffay veröffentlicht sein Album "96"

(Westfälische Nachrichten, Wochenendbeilage Panorama, 16. März 1996)Peter Maffay am 14. September 1996 in Halle - Foto: gap

Na endlich. Peter Maffay fing an als Schlager-Schnulzier (”Du”), machte weiter als Deutschrocker (”Carambolage”), mutierte zum Durchschnitts-WDR4-Popper (”Wie Feuer und Eis”), zum Märchenerzähler (”Tabaluga”) und koppelte zwischendurch immer wieder unsägliche Balladen (”Ich will bei Dir sein”) aus. Die Genese des Maffay führte wahrlich nicht immer zu Verbesserungen. Und längst gehört es für den selbsterklärten wichtigen Musikkritiker zum guten Ton, über Pur, Bon Jovi und eben Maffay in blumigsten Worten abfällig zu lästern. Aber jetzt ist er wieder da. ”Maffay ‘96” (BMG) heißt das neue Album. Und Maffay klingt ‘96 mitunter so jung wie nie zuvor. Da lacht das Herz des einstigen Fans, der vor lauter Enttäuschungen in den vergangenen Jahren die Hoffnung auf Gutes schon längst aufgegeben hatte. Maffay hat den Rock’n’Roll wiedergefunden. Dennoch: Ein reines Rockalbum ist’s nicht.

Schon die Vorabauskopplung machte Hoffnung auf Gutes. ”Siehst Du die Sonne?” ist nicht etwa ein müder Schlager als neue Titelmelodie für die Fernsehlotterie, sondern eine verhältnismäßig aggressive Rocknummer. Michel Polnareff hat das Original (”La Poupée qui fait non”) einst gesungen, und Jule Neigel verpaßte dem Lied einen neuen und verdammt guten Text. Nachgezeichnet werden da mit Worten die grausamen Bilder, die die Nachrichten aus der Welt derzeit prägen: ”Ich sehe brennende Straßen, Rauch der den Himmel verhängt. Ratten in schmutzigen Gassen und Menschen, die die Armut lenkt.” Die wahre Wut ist musikalisch umgesetzt.

Leíder ist das bei Maffay in ‘96 immer noch nicht wieder ausschließlich der Fall. Mitunter ist er berechenbar, paraphrasiert einst selbstdefinierte Standards. Schon beim ersten Hören weiß der erfahrene Fan, wann Bertram Engel mit einem kräftigen Schlag auf die Drums den Refrain einleitet, wann Maffay plötzlich einen scheinbar spontanen Schrei einwirft, wann ein Gitarren-Solo kommt oder der Finale Akkord ertönt. Typisch Maffay. Solide. Mit Titeln wie ”Freiheit, die ich meine” könnte er dagegen im nächsten Liederheft für die pseudo-Rock-Messe der Jugend beim Kirchentag auftauchen. Andererseits besinnt sich der gebürtige Rumäne, der das ”R” noch immer besser mißbetont als jeder Parodist, in Titeln wie ”Moment mal” oder ”Es hat keinen Zweck” durchaus wieder auf Nieten-Lederanzug-Harley-Rebellenzeiten seiner Mutation vom Schlagerschnösel zum Deutschrocker anno 1979 (”Steppenwolf”) zurück. Und Titel wie ”Ich sag ja” sind die Mitte, klingen gutgelaunt und motiviert, klingen nach Weite. Maffays neue Vorliebe für Kanada und Australien hört man. Vielfalt währt.

Textlich stößt ”Maffay ‘96” manchmal auf. Ein allgemeines, eigentlich ungültiges Vorurteil bekommt hier neues Fleisch: Die deutsche Sprache passe nicht so ganz zum Rock. Oder reimt es sich so schlecht? Oder widersprechen einem einfach Zeilen wie ”Du weißt, daß ich dich total mag”, wenn man sie direkt versteht, auch wenn sie im Gesamtkontext des Liedes (hier: ”Ich sag ja”) sehr aussagestark sind? Texte wie die Kirchentag-Nummer (”Freiheit, die ich meine, ist wie ein neuer Tag”) reihen sich problemlos ein zwischen ”Der Himmel geht über allen auf” und ”Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer.” Auch hier: Hintergründiger Sinn hinter Floskeln und klischeebehafteten Rock- oder gar Schlagervokabular verborgen.

Eingespielt hat Peter Maffay seinen neues Album wieder mit bewährter Band. Engel, Carlton, Diez, Becker, Kravetz - das Team bürgt für Qualität. Schon seit Jahren. Auf all den verschiedenen Pfaden des Cowboys aus Tutzing: Schlager, Rock, Pop, Balladen...

Gunnar A. Pier