Die Band hilft

Udo Lindenberg und Band proben für die nächste Tournee

(Westfälische Nachrichten, Wochenendbeilage "Panorama", April 2000)

Das Chameleon-Studio in Hamburg ist schwer zu finden. Ein schmuckloses Schild am Alten Teichweg in Barmbek-Nord schickt den Besucher in den Hinterhof. Dort führt eine Treppe hinab in den Keller. Lange Gänge, noch eine Treppe nach unten. Erst dort erklingt Musik. Hinter der Tür mit der Aufschrift „Studio 1“ ist es laut. Zwischen leeren Transportkisten und endlos scheinenden Kabelsträngen sitzt die erste Garde der deutschen Rockmusik und probt für den Ernstfall. Das original Panikorchester von Deutschrock-Urgestein Udo Lindenberg bereitet sich auf die zehn-Städte-Tournee vor, die am 1. Mai in Berlin beginnt.

Udo Lindenberg bei der Tourprobe in Hamburg - Foto: gapEs ist Samstagnachmittag. Seit Mittwoch hocken Carl Carlton, Hannes Bauer (beide git), Bertram Engel (dr), Steffi Stephan (bs), Jean-Jaques Kravetz und Hendrik Schapers (beide key) zusammen. Um 14 Uhr beginnen sie und spielen bis spät in den Abend hinein. 25 Stücke stehen auf dem Tourprogramm. Der klassische Mix aus großen Hits und Titeln des nächsten Lindenberg-Albums „Der Exzessor“, das am 22. Mai erscheint. „Wir haben uns die Songs schon vorher drauf geschafft“, erklärt Steffi Stephan. Der Bassist gibt zu, nur mit halbem Herzen dabei zu sein. Er ist nicht nur Chef des münsterischen Clubs Jovel, sondern organisiert gerade das münsterische Stadtfest. „Zu viele Baustellen auf einmal“.

Aber bei Udo dabei zu sein, ist Ehrensache. Schließlich waren die inzwischen ergrauten Jungs dabei, als der Gronauer ins große weite Deutschland zog, um die Muttersprache im Rock’n’Roll zu etablieren. Jahrelang gingen sie getrennte Wege. Lindenberg versuchte sich in der Schublade des seichten Chart-Pops, Engel, Carlton, Stephan und Kravetz standen Peter Maffay bei seinem Wandel vom Schlagerschnulzisten zum Rockstar bei. 1996 schloss sich das alte Panikorchester wieder zusammen. Seither lässt Udo es wieder krachen.

„Wir wissen, wie Udo es haben möchte“, erklärt Trommler Bertram Engel. So kommt es, dass der Popstar die Band meist alleine proben lässt. Der Form halber ist Keyboarder Kravetz der Mann, der den Ton angibt. Er hat das jüngste Album produziert. Carl Carlton: „Aber wir machen das schon so lange zusammen, dass sich das längst verselbstständigt hat.“

So nehmen sich die Panikrocker ganz in Ruhe ein Stück nach dem anderen vor. Beim Spielen kommen die Ideen: Akkorde kommen hinzu, Strophen fallen weg. Bertram Engel: „Auf der Platte hört man beispielsweise die Gitarren doppelt. Das ist wichtig, weil die CD zu Hause auch mal leise gespielt wird. Im Konzert haben wir nur zwei Gitarren. Da muss der Druck ganz anders erzeugt werden.“ Die technischen Möglichkeiten sind gegenüber einem Tonstudio eingeschränkt. Hinzu komme, dass jeder seinen eigenen Stil hat. Und Bertram Engel war an der Platte nicht beteiligt.

Nach dreieinhalb Stunden Proben kommt an diesem Samstag Udo Lindenberg dazu. Um 17.30 Uhr taucht er zusammen mit Rüdiger Nehberg im Probenraum auf. Dem Abenteurer, der kürzlich mit einem Einbaum nach Brasilien fuhr, um auf die Probleme der Indianer aufmerksam zu machen, ist ein Titel des neuen Albums gewidmet. Heute hört er das Band zum ersten Mal. „Ein tolles Geschenk“, sagt er und ist sichtlich bewegt. Er wird auf der Tour Gelegenheit bekommen, sein Anliegen vorzutragen.

Dann geht die Probe weiter. Udo Lindenberg setzt sich auf einen Barhocker und hört sich mit einem Pott Kaffee in der Hand an, was die Band sich überlegt hat. Hier und da hat er Vorschläge. Mal erntet er Zustimmung, mal setzt er sich nicht durch. „Gute Form“, sagt er sachlich, als die Band vorführt, wo sie im Nehberg-Lied „My Way“ ein Gitarrensolo einfügen möchte. „Wir könnten morgen auf die Bühne gehen.“

Später gibt er zu Protokoll: „Wir haben andere Instrumente als auf der Platte. Und mit den sechs Experten der Panikband brettert das viel mehr als früher.“ Zudem habe sich sein Stil im Laufe der Jahrzehnte entwickelt: „Ich bin musikalisch radikaler. Nicht mehr so viel Kniedeldiedel. Früher wollten wir zeigen, was wir alles gelernt haben, sinfonische Werke und so. Jetzt kommen wir schneller zum Wesentlichen.“ Viele Gedanken macht sich das Orchester darüber, wie alles „heavier“ klingen kann. Udo will „das Brett“, wie er sagt: schreiende Gitarren, treibendes Schlagzeug.

Eine zweite Pause bleibt an diesem Tag aus. Stattdessen machen die sechs Musiker um 20.30 Uhr Feierabend. Udo bleibt noch anderthalb Stunden und korrigiert zusammen mit einem Techniker die Songtexte, die beim Konzert als Gedankenstütze über einen Monitor laufen. Um 22 Uhr macht auch er Schluss und verlässt über die schmucklose Treppe das Chameleon-Studio in Barmbek-Nord.

Gunnar A. Pier