Die Forscher-Firma blickt nach vorne

Zum Jubiläum präsentiert Udo Lindenberg einen Aufmarsch der Giganten

(Westfälische Nachrichten, Seite "Pop und Rock", Dezember 2003)

Um 13.06 Uhr kommt Udo Lindenberg durch die Hintertür, grüßt lässig in die Kameras. „Danke, dass Ihr gekommen seid. Früher Morgen noch, nur die Märtyrer am Start hier." Ach, für Udo Lindenberg haben sich die Journalisten gerne zu nachtschlafender Mittagszeit in Dortmund eingestellt. Denn Udo geht im kommenden Jahr auf Tour, will Großes bieten, er feiert Jubiläum: 30 Jahre auf der Bühne. Grund genug für den „Aufmarsch der Giganten", Konzerte mit Panikorchester und Gästen.

1972 veröffentliche der Gronauer seine erste Platte „Daumen im Wind" - weshalb wir nun eigentlich nur rund 30 Jahre Lindenberg feiern. Seither gab's „Stil bildende und Maßstab setzende Songs", wie Udo es formuliert. „Wir sind eine fleißige Firma, 40 LPs, 700 Songs. Da fällt die Auswahl schwer."

Doch Udo und seine Begleiter mussten auswählen. Für das aktuelle Album „Panik-Präsident" spielten sie 14 Titel aus den 30 Jahren noch einmal neu ein - und passten sie an das an, was das Panikorchester heute ausmacht: stramme Gitarren, die Udo „Brett" nennt. Mit vielen der Musiker spielt Lindenberg seit Menschengedenken zusammen: Jean-Jaques Kravetz ist solch ein Kandidat, auch Trommler Bertram Engel und die Gitarristen Hannes Bauer und Carl Carlton. „Aber das sind keine abgelaufenen alten Männer, die nach hinten blicken. Sie laufen experimentell ins Niemandsland."

Neuland war Udos Aktion zur Deutschen Einheit in diesem Jahr. Von dem Sonderzug, mit dem er symbolisch noch einmal durch die deutsch-deutsche Mauer raste, zeigt er bei der Pressekonferenz in Dortmund erst mal einen Film, kommentiert die Bilder leise nuschelnd. Die Reporter fragen sich, was das soll, doch lernen es schnell: „Das war der Auftakt für die Jubiläums-Sachen", erklärt Udo. Wie groß sein Anteil an der Wiedervereinigung war? „Wir haben einen Beitrag zum Klima geleistet, in dem die Lockerungen möglich wurden", sagt der Panikrocker. Trotzdem: „Ich will kein Denkmal sein, kein Willy Brandt des Rock'n'Roll. Lieber eine lebende Legende mit Blick nach vorne. Wir sind eine Forscher-Firma, die nach vorne geht."

Das nächste Projekt: die Jubiläumstour im Februar durch zehn große Hallen. „Das wird eine Reise mit dem Raumschiff durch die Zeit. Ben Becker spielt die Rolle des Zeitmeisters." Viel Text? „Nein, ich werde spontan das eine oder andere sagen, so Freistil." Dazu: Bilder, Filme auf großen Projektionsflächen, die während des Konzerts den Rückblick ermöglichen.

Einige prominente Gäste werden bei jeder Show dabei sein: Peter Maffay, Eric Burdon, Ellen ten Damme, Ben Becker. Hinzu kommen Gäste, die Udo eingeladen hat und die bei Gelegenheit bei der einen oder anderen Show dazu stoßen: Nena, Helge Schneider, Hape Kerkeling. „Sie singen erst ein Duett mit mir und dann etwas Eigenes", sagt der Mann mit Sonnenbrille und steckt sich eine Zigarette an. Da stutzen die Schreiber und blitzen die Fotografen. Hat Lindenberg nicht von Drogen jeder Coleur Abstand genommen? „Das sind deutsche Kräuter, kein Tabak", erklärt er. Auch Alkohol sei abgesagt. „Ich bin radikal, ein Exzessor. Wenn ich etwas mache, dann richtig." Auch die Askese. „Ich muss knallfit sein, schnell auf der Bühne. Nicht mehr Nachtigall, sondern Gazelle." Außerdem sei er „natur-stoned" — das reicht.

Noch Fragen? „Ganz easy, Freistil!" Keine Fragen mehr, danke. Wir sehen uns im Februar.

Gunnar A. Pier