Udo Lindenberg, Trommler Bertram Engel. (Fotos: gap)

Diese Jahrhundertmaßnahme

Udo Lindenberg feiert sein Jubiläum mit einem "Aufmarsch der Giganten"

(Westfälische Nachrichten, Seite "Kulturelles Leben", 9. Februar 2005)

Zwischendurch haben wir uns ja mal Sorgen gemacht. Da trällerte Udo Lindenberg die selbe überflüssige Popmusik wie die Prinzen. Mitte der 90er besann er sich, rief das Panikorchester wieder zusammen und gab richtig Gas. Jetzt ist er auf Jubiläumstour. 30 Jahre Lindenberg auf „Odyssee“ durch „Panische Zeiten“ – ein Rockspektakel mit vielen Gästen. Am Samstag führte der „Aufmarsch der Giganten“ in die Dortmunder Westfalenhalle. Und da war von musikalischen Irrwegen keine Spur mehr. Lindenberg, rank, schlank und energetisch wie lange nicht mehr, scheint bereit, um den Rock in die Zukunft zu begleiten.

Natürlich war das Panikorchester dabei. Die Musiker, die dabei waren, als Lindenberg vor 30 Jahren Münster zur Keimzelle der deutschsprachigen Rockmusik machte. Trommler Bertram Engel aus Burgsteinfurt gehört dazu - und natürlich Bassist Steffi Stephan, heute Chef der münsterischen Jovel Music Hall. „Diese Band ist ein Glücksfall für mein Leben, eine Jahrhundertmaßnahme“, betont Udo immer wieder. Den Beweis liefern die Musiker mehr als zweieinhalb Stunden lang.

Mit „Boogie Woogie Mädchen“ steigen Lindenberg, Band und Fans gemeinsam in die musikalischen Zeitreise ein. Schauspieler Ben Becker hat den großen Hebel der Zeitmaschine bewegt, und die Show beginnt. „Rock’n’Roller“, dann „Cello“ – heute gibt’s die guten alten Sachen. Unverblümt präsentiert, auch wenn sie inhaltlich überholt sind. Ein Treffen mit dem „Mädchen aus Ost-Berlin“ ist längst kein Problem mehr. Dass Udo es trotzdem singt, zeigt, was Musik bewirken kann. „Wir haben ein Klima geschaffen, in dem der Mauerfall möglich wurde“, formuliert es der Ex-Gronauer.

Auch dass nach dem „Säufermond“ das neue „Mein Body und ich“ kommt, ist wohl ein Zeichen. Erst Trinker-Romantik, dann der späte Dank an den Körper, der die Strapazen in all den Jahren überstanden hat: Lindenberg hat zu Ende gesoffen, ist trocken und stolz drauf. „Ich will eine Gazelle sein auf der Bühne.“ Glückwunsch, gelungen. Udo wirkt wie kurz nach der Lagerfeld-Diät. Schwarz, schlank, stark. Hut, Frack, Sonnenbrille: einst Fassade und Schutzschild, jetzt coole Geste. Willkommen zurück im Leben.

Zu einem „Aufmarsch der Giganten“ gehören viele Gäste. Natürlich ist Peter Maffay dabei, der sich seit Jahrzehnten viele Musiker mit Lindenberg teilt. Auch Nina Hagen ist gekommen, Eric Burdon, Helge Schneider. Sie singen mit Udo auf der Bühne, gratulieren, weiter geht’s. Bilder aus 30 Jahren flimmern über die gigantische Leinwand. Die Band knallt, Udo näselt. „Candy Jane!“, gröhlen die Massen in der Halle und denken über die Erinnerungen nach, die hier und heute wieder hochkommen. Viele haben einen Hut auf, manche haben ihn auf den Arm tätowiert.

Sie werden auch beim nächsten Mal dabei sein, wenn die „Chaoten“ wieder „diesen wilden, animalischen Rock“ spielen. Diese Jahrhundertmaßnahme.

Gunnar A. Pier