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Mehr als plumper Playback-Pop

Jeanette Biedermann am 14. März 2003 in Emsdetten

(Westfälische Nachrichten, 17. März 2003)

Wenn sich eine Pop-Prinzessin schwarze Lederhosen anzieht und ein Lied singt, das „Rock my Life“ heißt, schmunzelt der Springsteen-Fan, weil da offenbar jemand versucht, mit der Bedienung von Bilderbuch-Klischees den Wandel zur ernsten Musikerin vorzugaukeln. Pop-Prinzessin bleibt Pop-Prinzessin. Dass sich der Springsteen-Fan an dieser Stelle irren kann, bewies Jeanette Biedermann. Am Freitagabend zeigt sie vor knapp 3000 Fans in der Emsdetten Emshalle, wo ihr Hammer derzeit hängt.

Wieder so ein Soap-Star, der singt. Jeanette wurde als Marie in der Seifenoper „Gute Zeiten schlechte Zeiten“ bekannt. Derzeit hat diese Marie eine mittelschwere Krise. Nach einigen Schicksalsschlägen zerbricht sie am Leben und schlittert orientierungslos zwischen schulischem Misserfolg und Trost durch Tarot-Karten umher. Die echte Jeanette ist da ganz anders. Bemerkenswert anders. Selbstbewusst, strahlend und sexy. Das Outfit, die Musik – erfolgreich wandelt sie auf dem Pfad, den Britney Spears in den Pop-Dschungel getreten hat.

Doch beim Konzert ist das mehr als plumper Playback-Pop. Eine echte Band mit donnerndem Schlagzeug und schreienden Gitarren füllt den Saal. Da ist Platz für laute Soli, und plötzlich ergreift die Musik auch die Väter, die eigentlich nur zum Gucken mitgekommen waren. Dabei ist die Zielgruppe eigentlich jünger und weiblich. Jeanette stapft stolz über den Steg in die Hallenmitte, flirtet mit den Tänzern, gibt den männermordenden Vamp, dann wieder die nahbare Göre von nebenan. Jeanette ist sicher auf der Klaviatur, mit der sie ihre Fans bannt.

Sie singt die großen Hits, mischt sie mit unbekannteren Album-Stücken und einer südamerikanischen Viertelstunde unter künstlichen Palmen mit allbekannten Samba-Klängen. Dass ihre Stimme zwischen der farbenfrohen Show und der gewaltigen Rockmusik ihrer Band etwas dünn wirkt, macht überhaupt nichts. „Wir sind noch etwas nervös“, sagt die auf Hochglanz polierte Darstellerin, und die Fans kreischen hochfrequentig zur Aufmunterung. Ein sympathischer Auftritt. Vielleicht etwas zu laut fürs junge Publikum.

Aber nach den 100 Konzertminuten hat der Springsteen-Fan auch genug.

Gunnar A. Pier