Der Ernste des Lebens

Herbert Grönemeyer veröffentlicht das Album „Mensch“ und will uns was sagen

Herbert Grönemeyer am 12. Juni 1998 im Ruhrstadion, Bochum - Foto: gapHerbert Grönemeyer kann noch so fröhlich klingen. Er kann lachen und behaupten: „Ich glaube, dass ich leichtfüßiger bin, als man denkt.“ Herbert Grönemeyer kann machen, was er will, ihn umgibt immer die Aura des Ernstes. Wenn eine neue Platte erscheint, fragen sich die Menschen nicht nur, wie sie klingt, sondern auch, was er uns denn diesmal sagen will. Wie geht es ihm, was denkt er so, wie schlimm ist es um die deutsche Gesellschaft bestellt? „Der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt.“ Das Pferd heißt Pferd, weil es fährt. Grönemeyer ist zurück mit neuen Liedern und neuen Botschaften.

Früher kam Herbert Grönemeyer aus Bochum und schrieb Texte fürs Volk. Vor allem sprach er die Sprache des Volks. Schrieb über „Flugzeuge im Bauch“, fragte sauer „Was soll das?“, schickte „Kinder an die Macht“ und genoss den „Alkohol“. Jetzt kommt Herbert Grönemeyer aus London, wo er derzeit lebt, und spricht seine eigene Sprache. „Es ist viertel vor, die Welt nuklear. Der Schluss steht vor dem Tor, stellen wir uns der Gefahr. Vergiss Deinen Stolz, pack' ihn ins Portemonnaie. Wir haben es so gewollt, es muss jetzt geschehen.“ Ohne Textheft und Konzentration geht da nichts.

Doch dann erkennt der Zuhörer manche Botschaft. Er hört den Wachrüttler, mit dem Herbert Grönemeyer dem vereinten Deutschland, dem „Neuland“, begegnet: „Pass auf, Neuland, du brauchst keinen rechten Weg. Du steckst, Neuland, mitten in der Pubertät. Deine Unterschiede sind deine Qualität. Ein' dich, Neuland, Deine Zukunft fing gesten an. [...] Komm' in die Gänge, starte den Motor im Kopf.“ Ein andermal rechnet Grönemeyer ab: „Es wird Zeit, dass Du aufwachst, alle Koffer sind gepackt und die Tage sind gezählt. Und keiner, der noch fehlt. Ich bin nicht gern allein, aber gerne ohne Dich“ („Kein Pokal“). Und er trauert Verlorenem hinterher.

Herbert Grönemeyer hat sich schwer getan mit dem Album. Nach der tragischen Woche im November 1998, in der Frau Anna und Bruder Wilhelm starben, fiel er in ein Loch, fortan fielen ihm nur traurige Balladen ein. In einem Interview, das die Plattenfirma zusammen mit dem Album an die Medien verteilt, erklärt er: „Die Platte fertig zu bekommen, war auf jeden Fall eine der wichtigsten Herausforderungen für mich, Schaffe ich's wieder, Fuß zu fassen? Da hatte ich schwere Bedenken und auch Angst.“ Doch im Laufe der Arbeit habe er sich gefangen: „Das war bei ,Kein Pokal‘, weil das das erste Lied war, wo ich plötzlich einen Refrain geschrieben habe, der Kraft hat. Das war der Moment, wo ich aus meinen Balladen, aus den traurigen Stücken heraus kam und plötzlich einen Chorus hinkriegte, der Druck machte.“

Mit der Single „Mensch“, die seit einigen Wochen durchs Land geistert und bereits so oft verkauft wurde wie keine Grönemeyer-Single zuvor, holte der Herbert seine Fans da ab, wo sie warteten. „Der Määääänsch heißt Mensch“ – das klingt noch am ehesten wie immer, jedenfalls wie auf dem Vorgänger-Album „Bleibt alles anders“. Bei jener Platte, die 1998 erschien, experimentierte der einstige, wie er es selbst nennt, „Kumpelrock“-Spezialist mit modernen Samples, elektronischen Basslinien und HipHop-Elementen. Da war er anders als zuvor, und jetzt bleibt wirklich alles anders. „Mensch“ ist noch weiter weg von damals, als Gitarren, Schlagzeug und ein echtes Klavier an die Straße erinnerten. Heute klingt Grönemeyer postmodern und entsprechend schräg. So ungemütlich, wie er sich inhaltlich schon lange gibt. Die Melodien sind verschieden und doch einerlei, die Lieder definieren sich über die Arrangements. „Neuland“ schreit fordernd und rasant wie ein schneller Großstadtnacht-Film, „Der Weg“ ist eine nahe gehende Klavier-Ballade, „Lache, wenn es zum Weinen nicht reicht“ pulsiert südamerikanisch, „Dort und hier“ ist auf Vinylknarzen gemacht. Grönemeyer wird immer eigenwilliger.

Der Ernst der Lage ergreift den, der „Mensch“ mit dem Textbuch in der Hand konzentriert hört. Wer Spaß haben will, muss „Mensch“ laut und mit dem Bauch hören. Denn schließlich sagt Herbert Grönemeyer selbst von sich: „Ich habe keine Botschaft. Ich bin ja kein Professor an der Uni, ich halte ja keinen Lehrvortrag, ich hab keine Message im Sinne von Auftrag, ich bin ja kein Auftragssänger.“

Gunnar A. Pier