Im Auto läuft Springsteen

Bon Jovi am 30. Mai 2003 in der Arena "Auf Schalke"

Jon Bon Jovi auf Schalke - Foto: gapEs war ein riesiges Erlebnis. Damals, Essen, Georg-Melches-Stadion. Wir waren jung, aber wir hatten das Geld. Wir sahen die Band zum ersten Mal, wir waren begeistert vom Hardrock, von der Show, von dem Riesenspektakel. Damals, 1995. Jahrelang gestand ich: Ja, ich bin Bon-Jovi-Fan. Es folgten viele Konzerte. Bremen war toll, Jon Bon Jovi solo in der Stadthalle. Köln war schon zweimal schrecklich, Verkehrschaos und Katastrophen-Sound. Dann war wieder Essen. Ein halbes Jahr hatte das Album "Crush" bei mir im Auto gelaufen, das Konzert war klasse. Jetzt also Schalke. Freitagabend, 55 000 Fans, Verkehrschaos, Katastrophen-Sound – und ich langweile mich.

Da stehe ich nun auf der Tribüne, vergleichsweise nah an der Bühne. Ich schaue auf den dennoch mit bloßem Auge kaum zu erkennenden Popstar und auf 55 000 Fans. "Bounce! Bounce!" schreit Bon Jovi und hüpft wie ein Flummi über die Bühne. Die Fans hüpfen mit. "You give Love a bad Name", dann das alte "Wild in the Streets". Das hätte mir gefallen, damals in Essen.

Heute warte ich noch, dass der Funke überspringt. Die Gitarrensoli schrabbeln aus den riesigen Boxen, und als Gitarrist Richie Sambora für ein Lied, "I’ll be there for you", am Mikro steht, ist fast kein Unterschied zu Jon Bon Jovis Gesang zu vernehmen, so übel ist der Klang.

Wir hören "Livin’ on a Prayer", "Keep the Faith", sogar "Born to be my Baby", mein persönlicher All-Time-Greatest-Bon-Jovi-Hit.

Aber haben wir das nicht letztens noch so gehört? Es ist schon wieder drei Jahre her. Kommt mir vor wie gestern. Mir ist zu heiß unter dem geschlossenen Hallendach.

Die Band spult ihr Programm ab. Die großen Hits der Bandgeschichte, längst zu Gassenhauern geworden. Was sollen sie auch sonst spielen? Die Menge tobt. "Are you still with me out there?", fragt Sänger Jon, der große Entertainer, wie immer.

Ich denke an Springsteen zurück, acht Tage zuvor, die selbe Arena. glänzende Unterhaltung, ein phantastisches Konzert. Jetzt "Sleep when I’m dead", mal wieder. Sie machen es gut, die Musiker aus New Jersey. Sie spielen die Lieder lange aus, kitzeln das Publikum, bis es begeistert mitgeht. Das kann die Band um Sänger Jon Bon Jovi wie kaum jemand anderes (außer Bruce). Sie legt ihre Rocksongs als Mitmach-Aktion an. Die Rezeptur ist bewährt, erprobt, tausendfach erfolgreich. Bei mir schlägt sie nicht mehr an. Ich bin immun geworden. Für mich ist an diesem Abend ein Held gestorben. Ich brauche neuen Stoff.

Im Auto höre ich Springsteens "Live in New York City". Toller Sound. Gunnar A. Pier