Mann der großen Gesten

Wie funktioniert Bon Jovi? Gedanken aus dem Jahr 2000

(Westfälische Nachrichten, Wochenendbeilage "Panorama", 26. August 2000)

Katzen haben sieben Leben. Bon Jovi hat mehr. Nach langer Pause folgen stets neue Platte, neue Frisur, neue Tour und neue Fans – dann wieder eine lange Pause. Zur nächsten Platte gibt’s wieder eine neue Frisur, eine neue Tour und neue Fans. Das ist wirksamer Schutz vor Übersättigung: Zwischen den lautstarken Orgien wird gehungert. Die magere Zeit beginnt bald wieder. Am kommenden Samstag startet die amerikanische Rockband den Endspurt: noch drei Konzerte in Deutschland im Rahmen der Welttournee zum aktuellen Album „Crush“.
Bon Jovi am 12. August 2000 in Essen - Foto: gap

Die Karriere der Band aus der Heimat von Bruce Springsteen begann zu der Zeit, als trendige Kids „Heavy Metal“ hörten. Dauergewellte Mähne, hautenge Stretch-Hosen, wilder Blick – die Jungs von Bon Jovi passten ins Bild. Weil sie ihren Hardrock per Keyboard mit ausreichend Pomp aufmotzten, landeten ihre Platten im Regal „Metal“. In schlechten CD-Shops stehen sie dort auch heute noch. Das Debüt von Bon Jovi hieß „Bon Jovi“. Es erschien 1984 und enthält unter anderem den Hit „Runaway“. Nur ein Jahr später folgte „7800 Degrees Fahrenheit“. Kein bemerkenswertes Werk, kein Titel taucht heute noch auf Konzerten auf. Trotzdem verkaufte sich die Platte, weil die Bon Jovi unermüdlich auf Tournee war und als Vorband von Bands wie ZZ Top, Kiss und den Scorpions auftrat.

Der Durchbruch gelang mit dem Album „Slippery when wet“. „You give Love a bad Name“, „Livin‘ on a Prayer“ und „Wanted dead or alive“ schrieben 1986 Bandgeschichte. Mit „New Jersey“, das sechs internationale Hits enthält, ging’s 1988 im selben Rhythmus weiter. Bon Jovi hatten es geschafft: Sie waren eine etablierte Band auf dem Grat zwischen Pseudo-Metal und arrivierter Rockmusik – und hatten die Nase voll.

Die Band machte Pause, Vorturner, Sänger, Songschreiber und Namensgeber John Bongiovi übte sich als Cowboy. Mit dem Soundtrack „Blaze of Glory“ zum Western „Young Guns II“ beschritt er 1990 Solo-Pfade und heimste höchstes Kritikerlob ein. Hemmungslos bedient er sich aller Klischees des Wilden Westens. Die schlichten Lieder klingen nach Banditen auf der Flucht durchs staubige Amerika.

Die Band schlug 1992 nach vierjähriger Plattenpause ein neues Kapitel auf. Dauergewellte Mähne, hautenge Stretch-Hosen, wilder Blick – alles Vergangenheit. 1992 ist John Bongiovi ein smarter Beau mit feschem Styling. „Keep the Faith“ ist ein ausgewachsenes Rockalbum, das vor Spielfreude und Witz sprüht. Die einstigen Heavy-Metal-Fans freuen sich über ihre mit ihnen gereiften Stars, Teenies verlieben sich in den Sänger und knutschen bei der ersten einer Reihe von Schmachtballaden: „Bed of Roses“. Nach einer Welttournee ist wieder Pause. „Das hält die Band frisch“, erklärt Gitarrist und Bongiovis Songschreiber-Partner Richie Sambora.

1994 erscheint die Best-of-Zusammenstellung „Crossroads“ mit den neuen Titel „Always“ und „Someday I’ll be Saturday Night“, das nächste richtige Studiowerk erscheint erst 1995. „These Days“ ist das pessimistischste Album von Bon Jovi. Mit gnadenlosen Balladen wie „This ain’t a Love-Song“ steigt die Band hoch in die Charts ein. Die ehemaligen Metal-Rocker lächeln endgültig als Popstars aus den Teenie-Zeitschriften. Doch zu einer der weltweit erfolgreichsten Bands macht Bon Jovi, dass unter dem glänzenden Lack eine stabile Karosserie steckt. Die Lieder haben Hand und Fuß. So geraten die Konzerte der zugehörigen Welttournee zu Rock-Partys, bei denen die aktuellen Balladen höchstens am Rande auftauchen. Längst ist der Punkt überschritten, ab dem die Fans die alten Hits hören möchten.

Auf das nächste Album wartet die Welt fünf lange Jahre. Bei „Wetten daß“ hat Anfang Mai die vorab veröffentlichte Single „It’s my Life“ Premiere. Sie ist ein guter Vorbote: Bon Jovi haben den Weg zurück gefunden und legen mit „Crush“ ein sprühendes Rockalbum vor, das „These Days“ vergessen macht. Eine Quotenballade („Thank you for loving me“), zwei unerklärliche Einschläfer („Mystery Train“, „She’s a Mystery“), ansonsten pompöse Kracher. Das ist Rock für Jedermann und befriedigt das musikalische Grundbedürfnis der breiten Masse. In Interviews wird deutlich, wie berechnend die Musiker arbeiten. Solo, verkündete John Bongiovi jüngst, bevorzuge er die Singer/Songwriter-Schublade. Das neue Album der Band aber sollte Lieder für die großen Stadien enthalten.

Die füllt Bon Jovi derzeit weltweit. Mit Konzerten, die länger als zweieinhalb Stunden dauern, lockt die Band nicht nur die Fans alter Tage, sondern bemerkenswerter Weise auch Teenies, die den 38-jährigen Sänger „voll cool“. Von der 16-jährigen Vergangenheit der Band wissen sie nichts, aber „It’s my Life“ hat es ihnen angetan. Frisch, laut, im Grunde einfach gestrickt.

Bei den Konzerten schafft Bon Jovi die Vollbedienung. Da werden die Liebhaber ausgefeilten Rocks ebenso bedient wie die hochglanzverwöhnten Teenies. Denn Strahlemann Bongiovi beherrscht die großen Gesten. Er reißt die Arme in die Luft, schwenkt die Gitarre, schließt romantisch die Augen und hält den Mikrofonständer ins Publikum. Jeansjacke, Sonnenbrille, Lederhose – Posen, Klischees. Die Band verabschiedet sich, lässt sich aber scheinbar von den „Zugabe“-Rufen beeindrucken, berät sich kurz und stimmt noch ein Lied an. Alles ist so dick aufgetragen, dass mancher schmunzelt. Bongiovi treibt den Kitsch auf die Spitze und passt damit mal wieder in die Zeit wie kaum ein anderer. Wer etwas bietet, muss es auch verkaufen können. In jedem Leben so, wie es gerade passt.

Gunnar A. Pier