Wie der Bruder mit der Rotweinflasche

Bob Dylan am 1. Juli 1996 in Münster

(Westfälische Nachrichten, Kulturelles Leben, 3. Juli 1996)

Man sagt, das Gute bei Bob Dylan sei nicht das, was er spielt, sondern das, was er nicht spielt. Die pointierte Auslassung als Betonung des Wesentlichen. Man merkt es auf dem jüngsten Album der Folk-Rock-Legende. Bei dem Mitschnitt seines Unplugged-Gastspiels lässt er etwas ganz Wesentliches aus: die eigentliche Gesangsmelodie. Scheinbar unstrukturiert nuschelt er sich durch seine Texte.

Am Montag war das anders. Da trat der Mann, der eigentlich Robert Allen Zimmermann heißt, in der Halle Münsterland auf. Es gab die volle Rock-Breitseite. Das einzige, was er an diesem Abend ausließ, waren seine populärsten Hits. Dennoch: Mit selten erlebten Begeisterungsstürmen feierte das Publikum den Mann, den man gewöhnlich als den Wegbereiter der Rockmusik bezeichnet.

Seien wir doch mal ehrlich und vergessen für ein paar Zeilen Legendenstatus und die damit verbundene Immunität. Es gibt nicht viele Sänger, denen man solch einen Gesang verzeihen würde. Scheinbar unkontrolliert, spontan, ganz offen und nach vorne heraus. So stellt man sich den Gesang vor, der dem Bruder mit der Rotweinflasche vor dem Bahnhof entfährt, wenn man ihm ein Mikrofon in die Hand drückt. Diese langen hohen Töne - wie furchtbar. Als kämen sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums, hat "Time" einmal formuliert. Aber genau dieser Gesang macht ein ganzes Stück der Musik von Bob Dylan aus. Dieses Ungekünstelte, diese Direktheit und Offenheit ergreifen den Zuhörer, sprechen ihn an, machen die Musik eindringlich und berührend.

Was das Publikum - reifere Semester beherrschten die Szenerie - zu hören bekam, war alles anderer als lahmer Folk. Bob Dylan, inzwischen 55 Jahre alt, spielt noch immer Musik, die andere in seinem Alter nichtmal hören. Die Band - mit zwei Zupfern verschiedener Gitarrenversionen, Bassist und Schlagzeuger - sorgte für eine satte Instrumentierung. Wer da wen begleitet? Es schien, als spielten alle gleichzeitig Soli. Kompakt und aufwändig durcharrangiert, war die Musik hinter dem Gesang diesem mindestens ebenbürtig. Alles zusammen eine ehrlich gesagt unerwartet treffende Mixtur.

Der Meister selbst übrigens ließ es sich nicht nehmen, selbst die Lead-Gitarre zu spielen. Einschließlich der Soli. Und auch mit exzessiven Einlagen auf der Mundharmonika sorgte er für tosenden Szenenapplaus.

Bob Dylan beherrscht den Wechsel. Nach einer halben Stunde etwa schaltete er vorübergehend einen Gang zurück. Plötzlich waren es die guten alten akustischen Instrumente. Mit Konzertgitarre und Kontrabass klingt alles nicht weniger eindringlich. Der Alte kann es halt.

Ausgelassen hat er in Münster die populärsten seiner Hits, die zugegebenermaßen oft gar nicht durch ihn selbst zu Welthits wurden. Kein "Knockin' on Heaven's Door" also, kein "Blowin' in the Wind" und "The Times they are a-changin'". Absage an den Kommerz? Das Show-Geschäft, so scheint's, ist nicht Dylans Welt. Abgesehen von der unverständlich genuschelten Vorstellung der Band kommt auch kein gesprochenes Wort über seine Lippen. Und wenn der Saal tobt, wendet er sich ab, um seine Gitarre zu wechseln. Tja.

Bob, mach' was Du willst.

Gunnar A. Pier