Lieder pulsieren und leben

Bob Dylan am 1. Oktober 2000 in Münster

(Westfälische Nachrichten, Kulturelles Leben, 4. Oktober 2000)

Münster - Wer zu Bob Dylan geht, muss ganz schnell vergessen, mit wem man es zu tun hat. Wegbereiter der Rockmusik, lebende Legende, ohne ihn wäre nichts passiert - jaja, das stimmt optimistisch, macht aber den Abend nicht gut, der Mann ist immerhin schon 59. Wer sich satt gesehen hat an der Hakennase, hinter der sich der Wegbereiter der Rockmusik, die lebende Legende verbirgt, könnte sich langweilen, wenn nichts Gutes mehr kommt. Außerdem soll der Dylan ja so launisch sein, manchmal keine Lust haben und statt »All along the Watchtower« nur vergessene Lieder von den 4768 Studioalben seiner Laufbahn nuscheln. Am Sonntagabend spielte Dylan in der halbvollen Halle Münsterland. Ein weiteres Konzert im Rahmen der Neverending-World-Tour, die seit weit mehr als zehn Jahren andauert. Manche Leute behaupten, Dylan habe schon in jeder Stadt auf der Welt mit mehr als 1000 Einwohnern gespielt. Ob diese Leute spotten oder bewundern?

Dylan hatte am Sonntag offenbar Sonntagslaune. Er hat sogar einmal gelächelt, mindestens vier Mal »thank you« genuschelt, und als er die Band vorstellte, waren recht deutliche Worte zu vernehmen.

Und vor allem hat er toll gespielt. Erst akustisch. Drei wohlklingende Westerngitarren bestimmen den Klang, während seine kauzige Stimme satt aus den Boxen schallt. Die Lieder pulsieren und leben. Dylan singt richtige Melodien. Spötter sagen, er könne gar nicht singen. Doch wer den Sinn dafür hat, ist unweigerlich berührt von seinem offenen Gesang. Von der ungekünstelten Art.

Bevor die Schaukelei langweilig wird, greifen Bob und seine beiden Co-Gitarristen nach einer Dreiviertel Stunde zu Stromgitarren. Jetzt ist Schluss mit dem Folk-Puls. Beherzt und beinahe lustvoll greifen sie in die Saiten und stimmen den Hit »All along the Watchtower« an. Dann kommt auch noch »Dignity«, und die Fans wundern sich. Schließlich hat Bob Dylan alle Welthits ausgelassen, als er 1996 zum letzten Mal in Münster war. Diesmal hat er weniger Angst vor den Auswüchsen kommerziellen Erfolges und schiebt gleich noch eine zugegebenermaßen etwas minimalisierte Version von »Just like a Woman« nach. Kommen jetzt die Klassiker? Geht er bis zum letzten, spielt er sogar »Knockin' on Heaven's Door«?

Neinnein, erstmals wird's ruhiger. Ein paar Lieder für Eingeweihte. Trotzdem mit treibenden Gitarren. His Bobness selbst spielt die Soli. Mal sacht, mal brachial. Immer singt er leicht krächzend dazu. Die Lampen im Kronleuchter-Stil leuchten schwach weiter. Der Rock klingt schmutzig und echt. Da spüren selbst jene ehrfürchtigen Fans, die geboren wurden, als Dylan schon seit Jahrzehnten predigte, einen Hauch von der Zeit, die gut und alt gewesen sein muss. Als Rocken noch Rebellieren war.

Die Zugaben beginnen mit »Lovesick« vom jüngsten Album, dann kommt die Party. »Like a Rolling Stone«, später »I shall be released«. Fans singen mit.

Zum Schluss geht Dylan immerhin beinahe bis zum Letzten und traut sich, »Blowin' in the Wind« zu spielen. Nur Dylan darf das noch.

Gunnar A. Pier