Zwischen Hoffnung und Resignation

Hannes Wader singt 29. Januar 2002 im Ballenlager

(Westfälische Nachrichten, 31. Januar 2002 - Eine Veranstaltung der Kulturinitiative)Hannes Wader am 29. Januar 2002 im Ballenlager - Foto: gap

Hannes Wader sagt "Scheibe" zu seiner neuen CD, denn Hannes Wader denkt noch in schwarz und in Vinyl. Hannes Wader sagt "Ihr" und "Du" zu den Zuhörern, obwohl er wie sie längst nicht mehr in dem Alter ist, in dem man sich einfach so duzt. Hannes Wader ist eben Hannes Wader, alles andere ist egal. Und ein wenig ist er auch Kumpel der Sympathisanten im Ballenlager. Ein Vordenker längst vergangener Tage. Ein Mann mit Bart, der Erinnerungen schürt an damals, als die Kinder und das Wüstenrot-Haus noch nicht waren.

Die Kulturinitiative hatte einen großen Fang gemacht. Das Ballenlager ist immer etablierter, so lassen sich immer bekanntere Künstler engagieren - und es kommen immer mehr Besucher. Ausverkauft war das Konzert schon Tage zuvor. Fans und Interessierte aus dem gesamten Münsterland wollten noch einmal wie früher sein.

Um kurz nach acht kommt Hannes Wader auf die Bühne. Er freue sich, in Greven zu sein, sagt er und weiß bestimmt, dass diese Floskel kaum besser ist, als nichts zu sagen. Aber Wader ist ja kein strahlender Entertainer, sondern ein Liedermacher. Sein wohl bekanntestes Stück "Heute hier, morgen dort" singt er gleich zu Beginn. So, das war's, jetzt kommen jüngere Lieder.

Ehrlich gesagt: Hannes Wader singt nicht wirklich gut. Er zupft die Gitarre so, dass seine Fans am Lagerfeuer vor Neid erblassen, aber manchmal klingt der Gesang jaulig. Aber das ist ja eh nur die halbe Miete beim Liedermacher. Da geht es um Inhalte. Und die sind bei Hannes Wader noch immer teils recht deutlich. Von Hochrüsten sei nicht mehr so die Rede, seit die Völker verstanden hätten, dass sie sich mit Kleinwaffen genau so gut massakrieren könnten. "Aber das ist ja auch schon ein Fortschritt." Den Nationalsozialismus vergessen - da sei er gegen: "Dann lieber keine Identität den Deutschen. Die Deutschen fühlten sich immer nur dann mit sich identisch, wenn sie sich nicht nur über andere stellen, sondern auch auf ihnen herumtrampeln konnten." Deutschland habe er in seinem langen Leben stets mehr gegeben, als er zurück bekam.

Wenn Hannes Wader über die Welt klagt, in die er geboren wurde, klingt das resigniert, ja hoffnunglos. Die Grundfeste der Welt werden nunmal so bleiben, und die Zeit des Menschen ist zu kurz, um alles umzukehren, um darauf zu hoffen, dass sich alles ändert. Aber ist das Grund genug, grundlegend unglücklich zu sein? In manchen Liedern erweckt Hannes Wader den Eindruck. Er hadert mit allem. Er klagt und verklagt. Er verdammt, kritisiert und verachtet.

Da ist es gut, dass er manchmal auch richtig lustige und gut gelaunte Lieder singt. Auch in Hannes Waders Welt gibt es eben Liebe, Freundschaft, Schönes. So kommt er ins Gleichgewicht: Schlechtes nennen, klar, aber bitte nicht vergessen, dass es auch Gutes gibt. Besonders Landschaften und Orte. Hannes Wader beschreibt sie melancholisch, poetisch, liebevoll.

Wenn er über "Handtuchgroße PVC-Folien-Feuchtbiotope" lästert und gesteht, er habe auch eins, wird geistreicher und selbstironischer Witz deutlich. Neben Anke vom Bioladen steht jemand, und er glaubt, es sei ihre Mutter. Dabei ist es ihr Mann. ironisch und augenzwinkernd ist Hannes Wader dann selbst gegenüber scheinbar Verbündeten. Das nächste Lied ist sein Lieblingslied, "deshalb habe ich es persönlich aus dem Schwedischen übersetzt. Sehr frei, denn ich kann kein schwedisch." Dröger Humor eines Teutoburgerländlers, der in Berlin bekannt und in Ostfriesland alt wurde.

"Ich bin mal Kommunist geworden. Jetzt bin ich nichts mehr. In diesem Zustand der Gnade möchte ich alt werden." Als Hannes Wader. Mit guten "Scheiben".

Gunnar A. Pier