Satirische Aufräumarbeit

Stefan Raab über sich und
Gott und die Fernsehwelt

25. Juni 2005, Westfälische Nachrichten: Mit seiner Sendung „TV total“ ist Stefan Raab längst eine Konstante im deutschen Fernsehen. Mit Events wie dem „Stock Car“-Rennen heute Abend macht er richtig Quote. Warum wissen wir so wenig vom Menschen Stefan Raab? Gunnar A. Pier hat ihn gefragt

Frage: Ihre Sportveranstaltungen werden zu Events und sind sehr erfolgreich. Müssen Sie müde lächeln, wenn Sie im Zweiten Kerner mit Prominenten turnen sehen?
Raab: Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich finde das durchaus redlich. Ich fühle mich dadurch als dem privaten Fernsehen dienender Entertainer durchaus bestätigt, dass gebührenfinanzierte Sender privat finanzierte Ideen entlehnen. Das ist ja (lacht) für uns eine Bestätigung, und auf der anderen Seite für die gebührenfinanzierten Sender, mmh, tja, sagen wir mal...

Frage: ... eine Verbeugung.
Raab: Eine Verbeugung, genau, das lasse ich doch gerne gelten. (lacht)

Frage: Ich würde Ihnen gerne einige Stichworte sagen und Sie bitten, die zu kommentieren: "Wetten dass...?"
Raab: Zu Recht eine der erfolgreichsten Shows der letzten 20 Jahre. Und mit Hilfe der Chinesen wird’s auch die nächsten 20 Jahre noch erfolgreich "Wetten dass...?" geben.

Frage: Das überlebt sich nicht?
Raab: Man kann "Wetten dass...?" nicht mit normalen Standards messen. Jedes Mal zeigt sich, dass selbst "Wetten-dass...?"-Hasser sich das ansehen. Warum? Weil dadurch offenbar so ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Am Montagmorgen kommen alle zur Arbeit und sagen: "Hast du ,Wetten dass' gesehen?" Und ob die dann sagen: "War das nicht super?" oder "War das nicht langweilig?", ist auch egal. Hauptsache, man hat sich was zu sagen. Und ich finde, Thomas Gottschalk macht das nach wie vor für dieses Publikum, für den Sender und für diese Sendung hervorragend.

Frage: Das sind aber viele Einschränkungen.
Raab: (lacht). Ja gut, dass Sie das ZDF-Programm einem Pro-Sieben-Publikum nicht ohne Weiteres andienen können, das ist ja wohl klar.

Frage: Nächstes Stichwort: Harald Schmidt.
Raab: Großmeister der Late-Night-Show, was soll man dazu sagen?

Frage: Er rutscht gerade ein wenig ab.
Raab: Ich glaube, das ist lediglich eine mediale Wahrnehmung, die Zyklen unterliegt.

Frage: "Fun-Freitag" bei Sat 1.
Raab: Fun-Freitag bei Sat 1 - heißt der so? Sehr erfolgreich.

Frage: Haben wir inzwischen zu viel "Fun"?
Raab: Nee, überhaupt nicht. Seit ich bei Viva angefangen habe, liegt die Spaßgesellschaft im Sterben. Alle drei Monate kam im Spiegel oder im Focus der Artikel: Die Spaßgesellschaft ist vorbei. Meistens wurde das (lacht) an meinen Shows festgemacht. Das ist alles ein Zyklus, und der "Fun-Freitag" bei Sat 1 ist derzeit sehr erfolgreich, war’s aber auch mal nicht.

Frage: Wenn Ihr bester Kumpel Unterhaltungs-Stratege beim Öffentlich-Rechtlichen wäre: Welche Tipps würden Sie ihm abends bei einem Glas Fanta geben?
Raab: Keine (lacht). Doch: Komm zu den Privaten, da ist noch Entwicklung möglich.

Frage: Wie viel macht im Fernsehen der kommerzielle Druck kaputt – hemmen Werbung und Quoten die Kreativität?
Raab: Es kommt sehr darauf an, wie man damit umgeht. Ich persönlich bin der Meinung, dass Werbung und Quotendruck sich auch positiv auswirken können. Konkurrenz belebt das Geschäft, und das ist ja nichts anderes. Auf der anderen Seite darf man sich davon auch nicht verrückt machen lassen. Man muss die Gelassenheit haben zu sagen: Ich finde, so ist es richtig, und wenn es nicht funktioniert, ist es eben so, dann funktioniert vielleicht das Nächste wieder. Da muss man manchmal auch finanzielle Einbußen hinnehmen - sowohl beim Sender als auch bei uns als Produzent.

Frage: Dennoch sehen viele die Gefahr, dass die Entscheidungen nicht mehr die Kreativen fällen, sondern die Sender mit dem Geld in der Hand.
Raab: Das hängt vom Charakter der jeweiligen Person ab. Mich können die nicht dazu zwingen, etwas zu machen, was mir nicht gefällt. Oberste Prämisse bei allem, was wir machen, ist, dass es mir persönlich Spaß macht. Ich muss mich damit identifizieren können. Aber das kann ich aus meiner Position natürlich leichter machen als bei drohender Joblosigkeit.

Frage: Sie haben mit Ihrer Sendung "TV total" Trends überlebt. Was ist das Geheimnis?
Raab: Dass sie sich stetig über die Jahre gewandelt hat. Das Ausgangs-"TV-total" hat mit dem, was wir heute machen, nur noch wenig zu tun. Das Grundkonzept, dass wir uns hin und wieder mal Ausschnitte aus anderen Shows nehmen und die bewitzeln, sozusagen unsere satirische Aufräumarbeit, findet zwar noch statt, aber das sind vielleicht zehn Minuten am Anfang. Die Sendung wandelt sich stetig, und dadurch sagt keiner: "Die machen ja immer das gleiche". Eine Sendung wie "7 Tage 7 Köpfe", die lange sehr erfolgreich gelaufen ist, findet jetzt auch ihr Ende, weil sich da auch optisch nichts tut. Ich will da gar nicht schlecht drüber reden, die Sendung war erfolgreich und teilweise auch lustig, aber die sieht seit zehn Jahren so aus. Bei uns ist es eben anders.

Frage: Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie Ihren Erfolg zum Teil auf Kosten anderer erzielen und beispielsweise auf Schadenfreude setzen. Was sagen Sie denen?
Raab: Humor setzt in 90 Prozent der Fälle auf Schadenfreude. Aber die Wahrnehmung in dem ein oder anderen Medium, dass mein Erfolg lediglich auf Scherzen auf Kosten anderer beruhe, ist meines Erachtens falsch. Es gibt eine eigene Rubrik in der Sendung, die heißt "Raab in Gefahr", da mache ich mich jeden Tag selber zum Deppen. Und wer hat sich am meisten weh getan beim Turmspringen? Das war doch schließlich ich. Ich gehe da durchaus sehr selbstironisch mit mir um.

Frage: Trotzdem legen Sie manchmal den Finger in die Wunde . . .
Raab: Ja, aber das ist ja auch die Aufgabe von Satire. Wir sind auch ein wenig angetreten, um den alltäglichen Fernseh-Wahnsinn zu beleuchten und satirisch zu bewitzeln. Falsch dargestellt wird ja häufig, das habe ich gerade noch in der "Zeit" gelesen: "Herr Raab dringt in das Privatleben anderer ein und macht sich darüber lustig". Das stimmt nicht! Wir nehmen nur Ausschnitte, die bereits im Fernsehen gelaufen sind. Das wird dann auch noch mit dem Hinweis geschrieben, dass ich mein Privatleben ja komplett abschotte. Das sind aber zwei völlig verschiedene Dinge. Wenn ich irgendwo in einer Fernsehsendung rumlaufe, können Sie sich gerne den Ausschnitt nehmen und sich über mich lustig machen.

Frage: Wie reagieren denn die Prominenten, die das, was sie machen, vielleicht gar nicht für Fernseh-Wahnsinn halten, sondern für gut?
Raab: Die meisten reagieren gar nicht, da gehe ich davon aus, dass sie entspannt sind. So jemand wie Boris Becker, der es dicke von uns gekriegt hat - und zwar zu Recht! - der sitzt auch anderthalb Jahre später in der Show und sagt: "Muss ich mit leben, muss ich mit rechnen". Das muss ich ja auch: Sie können gerne einen Artikel über mich schreiben und sagen, ich sei ein Pfeifenkopf. Das ist Ihr Recht, und das ist vielleicht dann auch Ihre Meinung, da habe ich überhaupt kein Problem mit. Nur sobald Sie in mein Privatleben eindringen, das ich schließlich niemals medial genutzt habe, dann gibt’s Ärger. Und das gestehe ich auch jedem anderen zu.

Frage: Sie tauchen auch in anderen Shows sehr selten auf. Ist das nicht ungewöhnlich für einen Medienmenschen?
Raab: Ich habe doch die Möglichkeit, jeden Tag das zu sagen, was ich für wichtig halte. Andere Talkshows laden einen ja sowieso nur ein, weil sie eben das wissen wollen, was ich eh nicht erzähle. Warum soll ich also dahin gehen?

Frage: Können Sie denn verstehen, dass Fans, die die Sendung jeden Abend sehen, irgendwann mehr wissen möchten von dem Menschen Stefan Raab?
Raab: Wenn Sie ein bisschen Analyse-Verständnis haben, können Sie auch den Menschen über die Sendung kennen lernen. Ich spreche in der Sendung ja nicht groß anders, als ich es jetzt hier tue. Ich kann das nachvollziehen, aber das wird's trotzdem nicht geben. Ich definiere mich über das, was ich im Fernsehen mache, und nicht darüber, ob ich nachher noch um den See jogge oder so.