„Ich wäre da
ein Außenseiter“

Viva-Reporter Michael Wigge
drehte Beiträge in Japan

10. Juni 2005, Lenz: Dreieinhalb Wochen lang schaute sich Michael Wigge in Japan um. Der Außenreporter von „Sarah Kuttner – Die Show“ drehte Beiträge für die Kuttner-Sendung und für ein Japan-Special. Was hat er in Japan erlebt? Wie hat er die Japaner erlebt? Gunnar A. Pier sprach mit ihm.

Frage: Warum Japan?
Michael Wigge: Anlass war das deutsche Kulturjahr in Japan. 2005/2006 macht Deutschland ein kleines Promojahr in Japan, um die deutsche Kultur den Japanern ein bisschen näher zu bringen. Die denken immer an Frankreich oder Italien oder England, wenn Europa im Gespräch ist. Deutschland ist nicht so mega-populär, und da haben die Botschaft und das Goethe-Institut das Kulturjahr eingerichtet mit vielen Musikveranstaltungen, Literatur etc. Das habe ich mal als Aufhänger genommen für meine Geschichte: Ich reise als Kulturbeauftragter nach Japan, um Brücken zu schlagen.

Frage: Was wissen die Japaner überhaupt von Deutschland?
Michael: Eigentlich wenig. So typische Klischees, wie man sie überall im Ausland kennt: die Lederhose und die Bockwurst. Japan – die leben eh so ein bisschen auf ihrem eigenen Stern, das ist sehr sehr sehr sehr weit weg von hier – auch in den Köpfen. Das Einzige, wo sie sich mal nach richten, sind die USA. Deutschland ist einfach nicht existent.

Frage: Deutsches Kulturjahr: Gibt’s da Silbermond oder Beethoven?
Michael: Ich habe bei einem Festival gedreht, das hieß „Sounds from Germany“, und da hat unter anderem Mia gespielt und Mouse on Mars. Es gibt wahrscheinlich auch die klassische Richtung, aber ich habe mich mehr so im Jugendbereich umgeschaut.

Frage: Interessieren sich die Japaner für Deutschland?
Michael: Auf dem Festival waren so 500 oder 1000 Leute. Ich habe nicht so richtig die Reaktionen eingefangen sondern mich mehr so auf die Gruppe Mia konzentriert. Aber das ist da sicher nicht Mainstream.

Frage: Japanische Kultur ist natürlich in Deutschland auch etwas für Spezialisten. Michael: Ja, genau, deshalb bin ich da auch hingefahren. Weil’s eben so aus der Reihe fällt. Ich habe schon so’n paar Reisen gemacht in den vergangenen Jahren, aber das war das Krasseste.

Frage: Erkläre doch mal eben in wenigen Worten die japanische Kultur.
Michael: Höflichkeit wird bis zum Extremsten praktiziert. Man kann einem Japaner auf der Straße auf die Füße treten, und der entschuldigt sich. Einen Japaner aus seiner Haut fahren zu lassen, ist nicht möglich. In der Öffentlichkeit ist es das größte Tabu, irgendwelche negativen Emotionen zu zeigen. Der Japaner ist immer in Kontrolle und muss sich immer als Teil der Gesellschaft einfügen. Die Gesellschaft steht über dem Individuum, was ja bei uns nicht so ist. Hier gilt immer das Individuum, „ich will so individuell sein“ und selbstständig. Dort macht man alles für die Gesellschaft.

Frage: Wie zeigt sich das?
Michael: Zum Beispiel: U-Bahn, Tokio: Keine Graffiti, keine Kratzer, kein Müll. Ich hab’ mal ein bisschen Müll auf den Boden geschmissen, da ist sofort ein Japaner angekommen, hebt das Stück Papier auf und steckt es in seine Tasche, um es zu Hause in seinen eigenen Mülleimer zu werfen. Oder noch was: Eine U-Bahn-Fahrt in Tokio kostet zwei, drei Euro. Jetzt kann man sich am Automaten auch ein Kinderticket ziehen, damit kommt man auch durch das Drehkreuz. Das kostet so 50 Cent, merkt natürlich niemand. So kann man sich sein ganzes Leben durch die Tokioter U-Bahn mogeln fürn Viertel des Preise. Ich nehme an, wenn diese Möglichkeit irgendwo in Europa bestünde, würden da einige Leute von Gebrauch machen. Wir haben das in Japan mal beobachtet: Kein Mensch zieht dieses Kinderticket.

Frage: Findest du das befremdlich? Eigentlich ist es doch toll, wenn jeder sich benimmt. Hier würde ja auch einiges anders laufen, wenn die Menschen mehr Rücksicht nähmen.
Michael: Das ist zweischneidig. In erster Linie finde ich es schon echt super. In Deutschland, das ganze Lamentieren – aber wenn man irgendwo ein bisschen Arbeitslosengeld abstauben kann, macht man das. Mal ein bisschen hier und da mogeln – das wird einfach gemacht. So eine Tendenz würde es in Japan nicht geben. Das finde ich sehr beeindruckend und auch hilfreich dabei, eine Gesellschaft weiterzuführen. Auf der anderen Seite: Ich könnte da nicht leben. So interessant so ein Besuch auch ist, da muss man realistisch bleiben: Ich wäre da ein Außenseiter.

Frage: Wie sehr entsprechen die Japaner unseren Klischees?
Michael: Ich habe mal für einen Beitrag deren Regelhörigkeit getestet. Ich habe mich als deutscher Touristenbeauftragter ausgegeben und gesagt, dass diese Straße jetzt angesichts des deutschen Kulturjahrs deutsch geworden sei und deshalb gelten hier jetzt deutsche Regeln. Das waren dann einfach nur skurrile Dinge: in einer Reihe gehen, im Entenmarsch gehen – die haben wirklich alle mitgemacht. Es war dann schon ziemlich erschreckend, dass die nicht hinterfragen, was hier gerade geschieht.

Frage: Wie haben die Leute denn sonst auf deine Späße reagiert? Ich habe einen Ausschnitt gesehen, in dem du lauter Menschen mit verbundenen Augen angequatscht hast, und die wirkten peinlich berührt, aber trotzdem freundlich.
Michael: Ja, das ist halt die Strategie. Wenn da etwas auftaucht, auch ein Typ mit Megafon – einfach ignorieren, so tun, als ob er nicht da sei. Das machen die auch in der Erziehung mit Kindern. Die Kinder werden nicht angemotzt, wenn sie rumquengeln, sondern sie werden ignoriert. Als Resultat hat man nur ruhige Kinder in Japan. Ich habe das auch gemerkt bei meinem Klamauk da: Wenn man diese Ignoranz zu spüren bekommt, läuft man ganz schnell ins Aus. Die Japaner sind da sehr schlau.

Frage: Wie reagieren die denn auf Europäer?
Michael: Das ist auch sehr interessant. Japan ist keine multikulturelle Gesellschaft, sondern sehr abgeschieden. Aber wenn ein Ausländer kommt . . . Wir haben so ein paar Beispiele erlebt. Da sitzen wir in einem Restaurant, und plötzlich geben uns irgendwelche Japaner am Nebentisch ein Bier aus. Wir haben überlegt: Womit haben wir das jetzt verdient, finden die uns so supertoll? Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es für die wiederum ganz wichtig ist, das Land super zu vertreten. Das ist uns drei Mal passiert.

Frage: Seid ihr mit denen ins Gespräch gekommen?
Michael: Das ist leider schwierig, weil englisch noch ziemlich unbekannt ist. Dann bleibt man schon bei den Floskeln stehen. Es war also nicht viel mit persönlicher Unterhaltung.