Der Spaß überwiegt

Judith Holofernes über Vor- und Nachteile der Berühmtheit

29. Oktober 2005, Westfälische Nachrichten: Die Band Wir sind Helden schaffte es aus eigener Kraft an die Spitze der Hitparaden. Auf eigene Rechnung nahmen die Hamburger eine Platte auf, drehten selbst ein Video und kamen so aus dem Untergrund in die bunte Pop-Welt. Wie viel Unabhängigkeit opferten sie? Und wie fremd fühlen sich die Musiker zwischen Platten-Industrie und Marketing-Kampagnen? Gunnar A. Pier fragte Sängerin Judith Holofernes.

Frage: Sie kommen aus der Indie-Ecke: alles selbst produziert, eigenes Video. Plötzlich waren Sie richtige Popstars. Wie geht’s Ihnen damit?
Judith Holofernes Es ist auf jeden Fall ambivalent, aber ich würde sagen: Unterm Strich geht's uns super. Es hat natürlich auch schwierige Seiten. Die ganze Aufmerksamkeit, die Erwartungen - das ist, glaube ich, für jeden, der in so was reingeschubst wird, nicht einfach. Aber was überwiegt, sind die großartigen Konzerte und der Spaß, den wir zusammen haben, sonst würden wir’s nicht machen.

Frage: Diese Berühmtheit, das Star-sein: Ist das ein notwendiges Übel oder auch ein Ziel?
Holofernes Als Teenager habe ich natürlich davon geträumt, Popstar zu sein. Aber ich habe nicht davon geträumt, angekreischt zu werden oder ganz, ganz viel Geld zu verdienen. Eigentlich habe ich davon geträumt, in irgendwelchen Schwarz-Weiß-Dokus vorzukommen mit irgendwelchen anderen tollen Künstlern. Berühmtheit hat den Vorteil, dass wir ganz viele Leute erreichen mit etwas, was wir ja schließlich für nützlich halten. Aber auf der Straße erkannt zu werden und zu wissen, dass so viele Leute in irgendeiner Form eine Meinung zu einem haben, ist natürlich eher befremdlich.

Frage: Wie hat sich Ihr Arbeiten, Ihr Musizieren verändert, seit Sie berühmt sind?
Holofernes Das hat sich im Laufe der letzten Jahre immer mehr gelockert und ist eigentlich lustigerweise flüssiger und müheloser geworden. Ich glaube aber, das hat mit der Berühmtheit nichts zu tun, sondern damit, dass wir uns besser kennen. Natürlich sind wir wahnsinnig wenig zu Hause, aber wir haben es gelernt, überall, wo wir sind, Computer aufzubauen, Gitarren einzustöpseln und uns vorzuspielen, was wir uns gerade ausgedacht haben.

Frage: Ist es eine Belastung zu wissen, wie viele Leute auf Ihre Platte warten, wie viele eine Meinung dazu haben werden?
Holofernes Bei der zweiten Platte lag es ganz kurz bedrohlich in der Luft, dass jetzt ganz viele Leute irgendwelche Erwartungen haben, und das hat uns auch ein bisschen beängstigt. Aber lustigerweise ist das nicht bis zu dem Kern vorgedrungen, wo es irgendwie die Songschreiberei hätte beeinträchtigen können. Lustigerweise haben wir beim Schreiben keine Minute an den Hörer gedacht, außer dass ich manchmal, wenn ich etwas Trauriges schreibe, überlege, ob das gut-traurig oder schlecht-traurig ist. Also ob es die Leute traurig machen wird oder ihnen nur hilft beim Traurigsein. Verantwortung spielt schon eine Rolle.

Frage: Haben Sie manchmal das Gefühl, dass bei all dem Aufhebens, das um Sie als Personen gemacht wird, die Musik ein wenig in den Hintergrund gerät?
Holofernes Die Gefahr besteht auf jeden Fall, und ich finde es vor allem für uns selbst sehr wichtig, das nicht zu tun. Natürlich besteht unser Beruf streckenweise daraus, über Musik zu reden und nicht Musik zu machen. Und in den Zeiten geht’s mir unterm Strich nicht so gut wie in anderen Zeiten. Wir versuchen dann immer, uns gegenseitig daran zu erinnern, dass das ein Nebeneffekt ist von dem, was wir eigentlich machen, nämlich Musik.

Frage: Wie schwierig ist es, so erfolgreich zu sein und sich trotzdem eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren?
Holofernes Das ist sehr schwierig und kostet ganz, ganz viel Mühe. Es hat teilweise was von einer Sisyphus-Arbeit, weil die Leute nur das sehen, was man macht, und nicht die ganzen Dinge, die man nicht macht. Wir sind sehr viel damit beschäftigt, irgendwelche Dinge nicht zu machen. Bei uns ist es so: Sobald wir etwas ausprobieren, was sich dann doch nicht als so gut erweist – zum Beispiel ein Radiokonzert, das von oben bis unten durchgesponsert ist – kriegen wir sofort Hunderttausende von E-Mails, wo irgendjemand tief enttäuscht ist, weil wir jetzt so was getan haben.

Frage: Es kann Ihnen also passieren, dass Sie ungewollt in die Fänge der Industrie geraten?
Holofernes Natürlich. Man muss sich das echt so vorstellen, dass eine Band unfassbar viele Entscheidungen trifft, andauernd. Das hatte ich mir so auch nicht vorgestellt. Wir sind die ganze Zeit nur am Zusagen und Absagen. Wir sagen im Schnitt mehr ab.

Frage: Also kann es so sein: Die Plattenfirma sagt, dass Sie bei der "Goldenen Stimmgabel" auftreten können, und Sie überlegen, ob Sie da hingehören.
Holofernes Genau. Meistens denken wir, dass wir da nicht hingehören. Aber natürlich ist das alles nicht von Dogmen geprägt, sondern wir überlegen jedesmal wieder neu, ob das wirklich doof ist oder nur ein Vorurteil. Inzwischen ist es aber auch mal so, dass unser Name irgendwo auftaucht. Wir geben uns so viel Mühe in allem, und trotzdem macht ein Mobiltelefon-Anbieter Gewinnspiele, wo irgendwas mit Wir sind Helden bei der Frage rauskommt. Das merken wir, und dann wird da immer jemand ordentlich zur Rechenschaft gezogen.

Frage: Mir ist das beim "Comet" aufgefallen: Bevor ich ein Foto von Ihnen machen konnte, musste ich erklären, wofür ich die Fotos mache.
Holofernes Ja, da passen wir auf, und Sie können sich vorstellen, wie schwierig das ist. Bei einer Veranstaltung wie dem "Comet" müssen wir unheimlich wachsam sein, denn da laufen auch die Leute von der "Bunten" rum. Man muss einen wahnsinnigen Scannerblick entwickeln und sich blitzschnell derer erwehren, mit denen man nichts zu tun haben will.